Donnerstag, 15.05.2014 - Sonntag, 17.08.2014
Der US-Künstler Carl Andre ist bekannt als einer der wichtigsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Er wird als einflussreicher Vertreter der Minimal Art betrachtet. Sein poetisches Werk ist noch nahezu unbekannt. Ab dem 15. Mai ist es in der Ausstellung „Carl Andre – Poems 1958 – 1969“ anhand von 645 Seiten umfassend zu entdecken. Den Gedichten werden neun wichtige Skulpturen, die der Künstler in derselben Zeit schuf, gegenübergestellt. Dadurch wird der Einfluss der Gedichte auf sein skulpturales Werk verdeutlicht. Die Ausstellung umfasst sowohl die frühesten Arbeiten von Carl Andre als auch sein Schaffen in der Blütezeit der Minimal Art und zeigt damit die die Entwicklung des Werkes von Carl Andre in den entscheidenden Phasen. Es ist die umfassendste Ausstellung die es von Carl Andre in der Schweiz je gab und wurde in Absprache mit dem Künstler kuratiert.
Begleitend zur Ausstellung erscheint die erste Publikation überhaupt, die sich exklusiv den Gedichten von Carl Andre widmet.
Carl Andre ist seit Beginn seiner Laufbahn als Künstler sowohl Bildhauer als auch Poet. Er hat weit über 2000 Seiten Gedichte verfasst. Neben der von Carl Andre 1969 selbst zusammengestellten Gedichtsammlung „Seven Books of Poetry“ werden über 100 weitere Seiten Gedichte, die bisher kaum je zu sehen waren, gezeigt. Die Ausstellung verdeutlicht, dass sich Carl Andre in der Zeit von 1958 – 1965, vor seinem Durchbruch als Bildhauer, vor allem mit Gedichten befasste. Genau in dieser Zeit formierten sich sein Denken und seine künstlerische Praxis in voller Konsequenz. Im Zusammenspiel mit den Skulpturen der Ausstellung lassen sich die wichtigsten Merkmale seines Schaffens und die Bedeutung der Gedichte aufzeigen. Sie sind die Keimzelle seines Werkes, das die Minimal Art prägte und als kunstgeschichtlich relevant angesehen wird.
Die Gedichte ermöglichen einen Einblick in gesellschaftliche, kunsttheoretische, autobiografische oder historische Themen mit denen sich Carl Andre in den 1960er Jahren beschäftigte. Der Künstler ist in Quincy, Massachusetts aufgewachsen, einer der ersten Siedlungen der europäischen Einwanderer auf dem nordamerikanischen Kontinent. Von hier aus entwickelte sich die US-amerikanische Gesellschaft in ihrem hegemonialen Anspruch und ihrer widersprüchlichen Auffassung von Freiheit und Machtbegehren. Andre greift die tabuisierten Problematiken dieser frühen amerikanischen Geschichte in seinen Gedichten auf. Er zeigt, dass diese noch heute tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt sind und verweist auf Aspekte wie Grenzziehung und Ausgrenzung oder Freiheit und Andersartigkeit.
Auf formaler und struktureller Ebene untersuchen seine Gedichte die Funktion von Sprache und Text. Sie werden oft als Stellvertreter der Gesellschaft und ihrer Diskurse interpretiert. Carl Andre beschäftigt sich mit ihrer Regelhaftigkeit und ihren Bedeutungsfunktionen. Er befreit die Sprache aus der Umklammerung dieser Diskurse und gibt ihnen ihre Ereignishaftigkeit und ihre Selbständigkeit zurück.
Die Werke von Carl Andre ermöglichen Kunst als ursprüngliche Erfahrungen zu erleben. Diese Werke erzählen nicht und sie reklamieren keinen Anspruch auf Bedeutung und Wahrheit. Anstatt erzählend in immer neue Erklärungsnot zu geraten, zeigt Carl Andre auf ihre elementare Beschaffenheit. Dem Leser und Betrachter wird so seine Subjektivität bewusst gemacht. Er kann nicht konsumieren, sondern muss handeln und aktiv erleben.