
Sonntag, 01.07.2012
Bahnhof (Güterschuppen)
Neue Sonderausstellung im Museum Stammertal und dem Thema entsprechend, im Güterschuppen beim Bahnhof Stammheim
Das Museum Stammertal präsentiert die neue Sonderausstellung «Kein Dampf ohne Kohle – Die Nationalbahn verpasst den Anschluss».
Die Ausstellung zeichnet die kurze Geschichte der Nationalbahn nach, die in den 1870er Jahren den Boden- mit dem Genfersee verbinden sollte. Und erzählt von Vision und Debakel, von Heissspornen und vom Schienenweg zum ersten grossen Grounding der Schweizer Geschichte.
Renditen und Gewinne fürs Volk: Darauf hofften in den 1870er Jahren die Initianten der Nationalbahn, einer öffentlich finanzierten Bahnlinie vom Boden- bis zum Genfersee. Die «Volksbahn» wollte nichts weniger als die Privatbahnen verdrängen. Diese hatten seit der Eröffnung der Spanisch-Brötli-Bahn 1847 das Schweizer Eisenbahnnetz allmählich ausgebaut und lieferten sich einen harten Konkurrenzkampf.
In der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung stellten Städte und Gemeinden – allen voran Winterthur, aber auch die Dörfer des Stammertals – beträchtliche Mittel für den Bau der Strecke zur Verfügung. Aus der Vision wurde ein Debakel: Nicht einmal die Hälfte der Strecke wurde gebaut: Ab 1877 fuhren die Züge endlich vom Bodensee bis nach Zofingen – für ein halbes Jahr. Wilde Konkurrenz, Eisenbahnkrise und Fehleinschätzungen trieben die Nationalbahn in den Ruin. Die Gebergemeinden standen vor einem riesigen Schuldenberg, der ihre Haushalte über Jahrzehnte belastete.
Zum ersten Mal zeigt eine Ausstellung, was von der einstigen Eisenbahnlinie nach 130 Jahren übrig geblieben ist: Zu sehen ist etwa ein Sackrolli mit der Inschrift SNB (für Schweizerische Nationalbahn) oder eine Original-Schienenlasche zum Verbinden zweier Schienenstücke sowie zahlreiches Plan- und Bildmaterial. Und was nicht Platz im Museum hat, etwa das Bahntrassee, kann an Videostationen besichtigt werden. Ein «Railroadmovie» lädt das Publikum zu einer filmischen Fahrt von Konstanz bis nach Aarau ein, begleitet vom Industrie-Archäologen Dr. Hans-Peter Bärtschi. Den letzten Abschnitt der Nationalbahnstrecke von Suhr bis Zofingen gibt ein historischer Filmstreifen wieder.
Auch andere Spuren der einstigen Bahnlinie haben dank der Zusammenarbeit mit den Autoren des 2009 erschienen Buches «Die Nationalbahn. Vision einer Volksbahn» den Weg ins Museum gefunden. Handfeste Exponate führen vor Augen, wie wichtig die Handarbeit bei der Eisenbahn gefragt war, trotz moderner Technik: beim Gleisbau oder beim Güterumschlag etwa. Die Besucher können die Ideen der demokratischen Bewegung begreifen, wenn sie in der Zürcher Verfassung von 1869 blättern. Und heute darf, wer will, dem Zürcher Eisenbahnkönig und Gegner der Nationalbahn, Alfred Escher, schadlos die Messinghand reichen.
Aber auch der Katzenjammer nach dem Zusammenbruch der Nationalbahn ist Gegenstand der Ausstellung: Nie verkaufte Aktien, das verpfändete Winterthurer Stadtgut oder die letzten Aufzeichnungen des Protokollbuchs der Direktion des Nationalbahn lassen einen erahnen, wie stark dieses Grounding die Zeitgenossen bewegt haben muss.
Die Ausstellung wurde vom Winterthurer Historiker Christoph Tschanz realisiert und macht nach den Stationen Winterthur, Mellingen und Zofingen nun Halt im Museum Stammertal. Sie wurde mit lokalen Informationen aus dem Stammertal ergänzt.
Die Sonderausstellung 2012 ist jeweils am ersten Sonntag des Monats (April - Oktober) von 14 – 17 Uhr geöffnet.
Für Besichtigungen und Führungen ausserhalb der Öffnungszeiten nehmen Sie bitte mit Herr Daniel Reutimann, Tel. 052 745 30 11, Kontakt auf.