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Poetische Flucht in die Wirklichkeit

Worte

Samstag, 18.05.2019

14:00 - 23:00 Uhr

Fronwagplatz
Fronwagplatz
8200 Schaffhausen

Karte

«Dolologischer» Spaziergang  mit Lukas Müller, Naturwissenschaftler
von der Schaffhauser Altstadt zum Kunstraum Reinart beim Rheinfall (Neuhausen). Führung durch die betretene Welt der Schaffhauser Dolendeckel. Dauer 2 Std., Treffpunkt beim Brunnen auf Fronwagplatz (Altstadt Schaffhausen). Der Anlass findet bei jeder Witterung statt.
Weitere Informationen: www.dolologie.ch
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Ausstellung mit Videoarbeiten von André Bless, Eva Borner, Christine Camenisch & Johannes Vetsch, Carmen E. Kreis, Alexandra Meyer und Monika Rechsteiner im Kunstraum Reinart in Neuhausen am Reinfall

sowie reichhaltiges Veranstaltungsprogramm mit Fokus auf die Poetik des Alltäglichen

Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt «Poetische Flucht in die Wirklichkeit» widmet sich der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Inwiefern durchdringen sich Kunst und Alltag mittels Poesie? Im Kunstraum Reinart in Neuhausen am Reinfall werden für drei Wochen vom 5. bis 26. Mai 2019 installative Film- und Videoarbeiten sowie Fotografien von sechs Schweizer Kunstschaffenden gezeigt. Ausgangspunkt der ausgewählten Arbeiten sind Phänomene und Vorgänge des Alltags.

Die Arbeiten bewegen sich im Grenzbereich zwischen Realität und Fiktion und experimentieren mit Simulation. Die Installationen verbinden sich mit der bestehenden Ausstellungsarchitektur, den ehemaligen Wohn- und Arbeitsräumen der einst wasserbetriebenen Mühle, greifen in sie ein und erzeugen neue Wahrnehmungsräume.
Die Ausstellung wie auch das umfangreiche Begleitprogramm – mit Performances, philosophischen Gesprächen, dem Kunstfilmabend im Kino Kiwi Scala in Schaffhausen mit 13 weiteren künstlerischen Positionen oder dem geführten Spaziergang von Schaffhausen nach Neuhausen zum Thema der Gullydeckel – lenken den Blick auf die poetischen Momente des Alltags und hinterfragen den Wirklichkeitsbegriff. Darüber hinaus wird der Kunstraum mit dem Stadt- und Umraum verknüpft.

Fokus auf die Poetik des Alltäglichen
Die Ausstellung im Kunstraum Reinart hat zwei thematische Schwerpunkte, in denen das Poetische zutage tritt: Der menschliche Körper sowie die Architektur oder der Wohnraum, welche in den Werken zu Metaphern werden.

Alexandra Meyer (*1984) nutzt oft den eigenen Körper für ihre Inszenierungen und entwickelt ihre Arbeiten meist aus Alltagsgegenständen und den Handlungen, die sie evozieren. So auch in «Inflate» (2013), in der sie unter Einsatz ihres ganzen Körpers eine Luftmatratze geräuschvoll entleert. Bei längerer Betrachtung wird die Matratze durch die sich ständig ändernden Positionen zu einem Sinnbild des menschlichen Körpers. Das lautstarke Geräusch der entweichenden Luft, ein verlangsamtes Ausatmen, unterstützt dieses Bild. Wie in der dreiteiligen Fotoarbeit «Hauch» (2015), welche die verschiedenen Formen des warmen Atems auf einer Fensterscheibe festhält, thematisiert Alexandra Meyer in ihren Werken mit reduzierten Bildern existenzielle Fragen. Fast verloren wirken in «Hauch» die weissen Spuren menschlichen Daseins gegen den schwarzen Nachthimmel auf der anderen Seite der Scheibe.

Eva Borner (*1967) verbindet in ihrer Fotoserie «Ich will eine Wahrheit, die erfunden ist» (2012/13) durch Montage Innen- und Aussenräume zu surreal wirkenden Szenerien. In diesen «inneren Landschaften» werden die Objekte – Tische, Besen und andere Gegenstände wie ein Feuerlöscher – zu Protagonisten mit unterschiedlichen Charakteren. Auch im Video «Stunde der Sterne» (2015) deckt sie durch Überlagerungen – hier mittels der Tonspur – die verborgenen Seiten des Realen auf. Wie aus dem Nichts tauchen die menschlichen Körper auf, die mit sichtbar körperlicher Anstrengung über eine Holzbrücke rollen. Trotzdem wohnt der Szene eine unwirkliche Leichtigkeit inne, wenn sie tonlos – nur von der elektronischen Musik des schwedischen Musikers Christian Berg begleitet – und von starkem Mondlicht beleuchtet auf uns zurollen und sich vor unseren Augen in Luft auflösen. Das langsam fliessende Video wird zu einer Manifestation des Vergehens. Der beigestellte Satz «…denn in der Stunde des Todes wird der Mensch ein glänzender Filmstar…» von Clarice Lispector unterstreicht die Wahrnehmung in diese Richtung.

Monika Rechsteiner (*1971) schafft in der Videoprojektion «Trigger» eine aus Fotos und kurzen Videoclips konstruierte Kamerafahrt durch ein Gebäude, die ein Gefühl von Unsicherheit und Irritation erzeugt. Die vertrauten Wahrnehmungsmuster und Raum-Zeit-Auffassungen werden durch Schnitte und Übergänge unterwandert. Eine ungewohnte Reduktion und zeitweise Flächigkeit der Bilder, die gegen die filmische Erwartung von Bewegung und Tiefe stehen, bewirken, dass sich die Räumlichkeit aus den Bildern selbst zu entwickeln scheint.
Wie in den beiden Fotografien aus der Serie WWER 1000/320, benannt nach dem Reaktortyp des KKW´s Stendal in Deutschland, werden verschiedene Blickrichtungen in einem Bild vereint. Aus den Aufnahmen der Ruinen eines Gebäudes entstehen neue Räume, die sich der Logik entziehen und so zu Gedanken-Gebäuden und Metaphern für das Innenleben des Menschen werden.

Die neuste, raumgreifende Arbeit «Triefen» (2019) des in Basel lebenden Künstlerpaars Christine Camenisch (*1956) und Johannes Vetsch (*1956), das extra für die Ausstellung entsteht, nimmt Bezug auf die ehemalige Funktion des Hauses. Sie befindet sich im Kernraum der ehemaligen Mühle. Durch das Fenster sieht man das Mühlrad und der sonst geschlossene Zugang zur Nabe, mit der die Maschinen betrieben wurden, ist offen gelegt. Die Geräusche des Wassers werden Teil der Projektion. In den hochaufgelösten Nahaufnahmen des sich drehenden Mühlerades werden die Tropfen und Fliessbewegungen des Wassers sichtbar. Das abstrakt-anmutende, energetische Muster des Wassers – dem Element, das unsere Zellstruktur als Menschen ausmacht und Lebensgrundlage für alles ist – setzt den Raum in Bewegung.

Für den in der Nähe von Schaffhausen lebenden Künstler André Bless (*1950) sind die Phänomene und Vorgänge des Alltags Ausgangspunkte für seine Videoinstallationen und Fotoarbeiten, in denen er mit minimalen Eingriffen die gewohnten Blickwinkel unsere Wahrnehmung verschiebt. So entpuppt sich bei «Flood» (2017) überraschend eine Tischplatte als Bildträger im wahrsten Sinne des Wortes und das Formen- und Farbenspiel auf dem Monitor wird durch die realen, umgekippten Tassen zu auslaufender Milch. Dabei spielt er bewusst mit den Bedeutungsverschiebungen, die durch die verwendeten Bildträger entstehen. Die Spiegelungen des gegen eine Wand gelehnten Glases «Glass / Glanzstück» (2005) irritieren – man fragt sich, welche Fenster sich darin reflektieren – bis man entdeckt, dass es sich um eine Fotografie der Spiegelungen auf Glas handelt. Wie in «Splash» (2018) hat die Simulation der Realität Anteil an der Faszination dieser Arbeiten.

Auch in den Arbeiten der Künstlerin Carmen E. Kreis (*1964) erzeugen das gewählte Material und das Bild ein inhaltliches Spannungsfeld. In der Videoinstallation «Jalousie» (2019) wird ein am Fenster montierter Sonnenschutz zur Projektionsfläche des Lichtspiels mit verschiedenen Schattenbildern von beweglichen Lamellen. Zusammen mit den Geräuschen der spielenden Kinder evozieren sie das Gefühl von Sommerglück. Carmen E. Kreis wirft in ihren Arbeiten Fragen nach Wirklichkeit und Projektion auf. Der Titel «Spiegelungen» (2016) bezieht sich auf das Dargestellte der Fotocollage: Ein hell beleuchteter, mit dem Kopf nach unten hängender weisser Falter, der sich im Schwarz der Nacht spiegelt. Seine Form korrespondiert mit dem eher malerisch anmutenden, dunklen Farbenspiel auf Glas der anderen Bildhälfte. Auf den zweiten Blick wird klar, dass der Titel auch auf die wechselnden Spiegelbilder der Betrachtenden bezogen werden kann, die sich auf der glatten Oberfläche des Acrylglases mit dem Bild verbinden.

Daten

Ausstellung, 5. bis 26. Mai 2019

Öffnungszeiten: Fr/Sa 15-19 Uhr, So 14-18 Uhr
oder nach Vereinbarung: +41 77 413 53 68

Vernissage, Samstag, 4. Mai 2019,
18 Uhr Ausstellung geöffnet
19 Uhr einführende Worte von Eveline Schüep
20 Uhr Performance von Brendhan Dickerson

Freitag, 10. Mai 2019, 19-22 Uhr, Kunstfilmabend im Kino Kiwi Scala, Bachstrasse 14, 8200 Schaffhausen
mit Filmen von
Judith Albert I Myrien Barth I André Bless I Eva Borner & Dmitrij Gawrisch & Hans Peter Gutjahr I Anja Braun & Wendelin Schmidt-Ott I Christine Camenisch & Johannes Vetsch I collectif_fact, A. Schneider & C. Piguet I Anja GansterMireille Gros I Alexander Hahn I Marianne Halter I Eric Hattan I Susanne Hofer I Thomas Kneubühler I Carmen E. Kreis I Lukas Marxt I Alexandra MeyerMonika Rechsteiner I Stefan Rohner

Samstag, 18. Mai 2019, 14 Uhr, «Dolologischer» Spaziergang mit Lukas Müller, Naturwissenschaftler
von der Schaffhauser Altstadt zum Kunstraum Reinart beim Rheinfall (Neuhausen). Führung durch die betretene Welt der Schaffhauser Dolendeckel. Dauer 2 Std., Treffpunkt beim Brunnen auf Fronwagplatz (Altstadt Schaffhausen). Der Anlass findet bei jeder Witterung statt.
Weitere Informationen: www.dolologie.ch

Dienstag, 21. Mai 2019, 19 Uhr, «Kunst und Wirklichkeit»,
philosophisches Gespräch mit Johannes Binotto, Kultur- und Medienwissenschaftler
Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Schnittstellen zwischen Kulturgeschichte, Filmtechnik, Psychoanalyse und Raumtheorie. (www.schnittstellen.me). Im Gespräch wird der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit nachgegangen. Wie wird in Kunst – insbesondere mit filmischen Bildern – Wirklichkeit erzeugt? Kann Kunst eine poetische Flucht in die Wirklichkeit sein?

Finissage, Sonntag, 26. Mai 2019, 16 Uhr,
Lesung «Ilses Ermens Wörterbuch der Zoologie» von Ilse Ermen


Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt, kuratiert von Carmen E. Kreis und Eveline Schüep,
unterstützt durch:
Kanton Schaffhausen Kulturförderung
Kanton Basel-Stadt, Abteilung Kultur
Jakob und Emma Windler-Stiftung
SIG Gemeinnützige Stiftung
Kunstverein Schaffhausen
Kunstraum reinart

Bühne
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